Anfang Mai fand in Salzburg die Criminale statt, das jährliche Treffen des Syndikats der deutschsprachigen Kriminalliteratur, dessen Ehrenmitglied Ruth Weiss war. ‚ZweitzeugInnen‘ Lutz Kliche und Gesche Karrenbrock von der RWG hatten im Vorfeld Schulen und Jugendorganisationen ein Angebot gemacht:
‚Zweitzeugenlesungen‘ zur Criminalezeit im Salzburger Raum

Dass die Botschaft von Ruth Weiss über ihre Lebenserfahrungen und durch ihre ‚Krimis mit Tiefgang‘ lebendig bleibt und junge Leute mitnimmt, zeigten zwei eindrucksvolle Gesprächskreise im Montessori Realgymnasium Salzburg-Grödig, einer Schule – die treffend ‚Schule mit Weitblick‘ heisst – und… im Pfadfinderlager St. Georgen!
Dort waren Zeit- und Zweitzeugen eingeladen zum Gespräch mit jungen Leuten, die anlässlich des jährlichen ‚VorTags‘ der österreichischen Pfadfinderschaft zum bewegenden Gedenken der Befreiung des KZ Mauthausen 1945 nach St. Georgen gekommen waren.
In der Montessorischule in Salzburg Grödig und im Pfadfinderlager in St. Georgen wurde intensiv zum Thema Zivilcourage diskutiert.


Besonders Ruths stetige Ermahnung, mutig gegen diskriminierende Vorkommnisse im Alltag einzutreten, wurde von beiden Gruppen erörtert und von SchülerInnen hinterfragt.
Wie mutig darf man sein, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen – nicht wie Miss Moores junge Saboteure vom nazibesetzten Jütland, sondern etwa als zufällige Zeugen von rassistischen Anfeindungen im öffentlichen Raum? Wie trenne ich ‚Fakt von Fake‘ oder finde tolerante Gleichgesinnte angesichts des Social Media Ansturms von Falschnachrichten und vorurteilsbehafteten Filmclips ?
Für ein gutes Schulklima fanden die Jugendlichen wichtig, dass es dort genug Gelegenheit gibt, sich verlässlich zu informieren, und die Schule auch ein Ort ist, wo man Vielfalt positiv erlebt und es Gelegenheit gibt, mit Andersdenkenden offen zu diskutieren, ohne verurteilt zu werden. Die ‚Schule mit Weitblick‘ (aus dem Fester auf die Hohensalzburg, im Unterricht auf Nachhaltigkeit und ein gutes gesellschaftliches Zusammenspiel) hatte zu diesem Gespräch denn auch den Saal für SchülerInnen von der Sonderschule im selben Gebäude geöffnet, die sich in bunter Vielfalt in die Gruppe einreihten.

Bei den jungen PfadfinderInnen in St. Georgen führten die in Beispielen vorgetragenen Erfahrungen von Ruth Weiss und auch kurze Auszüge aus einigen Werken zum regen Austausch. Bei den intensiven Diskussionen im kleinen und grösseren Kreis, ja noch ums abendliche Lagerfeuer, ging es immer wieder um das ‚wie‘ – ‚wie‘ effektiver handeln gegen Vorurteile – und um die Schwierigkeiten, die nötige Zivilcourage im Alltag aufzubringen, wo nazistisches Gedankengut unreflektiert verbreitet wird.

Die Pfadfindertruppe zeigte sodann, wie sie aktiv das ‚Nie wieder‘ angeht – durch Erinnerung an das Leiden und den Tod der vielen, während der Nazizeit ins KZ Mauthausen verbrachten mutigen jungen Leute. Diese hatten sich in verschiedenen europäischen Ländern der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus entgegengestellt und mussten dafür den höchsten Preis zahlen.
Es lohnt zu erinnern, dass es Pfadfinder waren, die damals in Warschau unter grössten Gefahren die heimliche Postübermittlung ins und aus dem Warschauer Ghetto übernahmen! Dass PfadfinderInnen nur, weil sie sich weigerten, der Hitlerjugend oder dem BdM beizutreten, vielerorts in Deutschland und Oesterreich geächtet und verhaftet worden waren!
Gegen Rassismus und für eine tolerante Gesellschaft einzutreten, gehört zu den Grundwerten der Pfadfinderschaft – die Mädchen und Jungs erkannten, dazu gehört Mut, damals sicherlich, aber auch jetzt.
Wir durften uns als ‚Ruth Weiss Zweitzeugen‘ den jungen Leuten zur bewegenden Befreiungsfeier des KZ Mauthausen anschliessen.
Dort trafen sich Jugendgruppen aus ganz Europa tief unterhalb des ehemaligen KZ im Steinbruch des Todes und der Zwangsarbeit, für Ansprachen und zum gemeinsamen Singen einiger Häftlingslieder über die Freiheit. Dann ging es die steile Stiege hinauf in Erinnerung an die Häftinge, von denen viele hier unter Lasten zusammenbrachen. Oben wurden in einem langen Gedenkzug am Mahnmal auf dem Appellplatz des KZ Blumen abgelegt – von jedem für jeden jugendlichen Häftling namentlich… Langsam durchschritten wir diesen zentralen Ort des KZs und der Befreiungsfeier, an der hunderte Menschen, in offiziellen Länderdelegationen und kleinen Gruppen Ueberlebender und Angehöriger teilnahmen.





Tiefe Eindrücke einer Zweitzeugenreise!


